Warum wir unsere Wintersalat-Gewächshäuser nicht beheizen und der genügsame Feldsalat trotzdem wächst erklärt Gemüsegärtner Lucas Miano.
Landwirtschaftspraktikum in Bollheim
Jedes Jahr besuchen uns nacheinander fünf neunte Waldorfschulklassen, die hier im ganzen Klassenverband ihr Landwirtschaftspraktikum absolvieren.
Umweltfreundliche Vitamine für den Winter
Wintersalate im unbeheizten Gewächshaus
Hier auf Haus Bollheim bereitet sich alles für den nahenden Winter vor. Getreu unserem Motto „Haus Bollheim, Vielfalt pflegen“, versuchen wir, auch im Winter, möglichst vielfältig Gemüse anbieten zu können. Neben dem Lagergemüse wie Rote Bete, Sellerie und Kürbis ernten wir über die kalten Monate hinweg auch immer frisches Gemüse direkt vom Acker. Lauch, Rosenkohl, Sprossenkohl und Grünkohl trotzen dem Frost. Die Ernte macht bei kaltem Schneeregen nicht immer Spaß, aber wie sagt man so schön, „nur die Harten kommen in den Garten“.
Darüber hinaus ernten wir in unseren Gewächshäusern den ganzen Winter über Feldsalat und Schnittsalate. Momentan pflanzen wir alle Häuser fleißig voll. Die Pflanzen können nun noch die letzten sonnigen Tage gut gebrauchen, um anzuwachsen. Jetzt, wo die Tage deutlich kürzer und kälter werden, wachsen unsere Pflanzen bedeutend langsamer als im Sommer, das ist logisch. Wir könnten unseren Salaten im Gewächshaus etwas auf die Sprünge helfen, indem wir Häuser beheizen. Darauf verzichten wir bewusst. Der Energieaufwand, um einen Folientunnel zu beheizen ist enorm und alles andere als umweltfreundlich. Die Pflanzen wachsen auch ohne Heizung, nur eben bedeutend langsamer.
Eine genügsame Winterkultur
Eine sehr genügsame Winterkultur ist der Feldsalat. Er wächst auch bei sehr niedrigen Temperaturen weiter, genau genommen bis zu einer Temperatur von 5°C. Wird diese Temperatur unterschritten, gibt es für den Moment keinen Zuwachs mehr. Zudem ist der Feldsalat besonders frosthart. Fröste von bis zu -15°C stören ihn in der Regel nicht. Die Kultur von Feldsalat ist leider recht aufwendig. In unseren Folientunneln wird er gepflanzt. Dabei werden bis zu 100 Pflanztöpfchen pro Quadratmeter händisch gesetzt. Wir bepflanzen im Jahr etwa 2200 qm Gewächshausfläche. Hinzu kommt, dass der Feldsalat sehr anfällig für einen Pilz mit dem Namen „echter Mehltau“ ist. Wir versuchen möglichst resistente Feldsalat Sorten anzubauen, trotzdem tritt dieser Pilz immer mal wieder auf. Auf unseren Freilandflächen wird der Feldsalat direkt gesät. Die Arbeit für das Pflanzen entfällt. Dafür muss hier besonders darauf geachtet werden, dass Beikräuter den Feldsalat nicht überwachsen, da er sich langsamer entwickelt als der gepflanzte Salat. Der Arbeitsaufwand dafür kann ebenfalls enorm sein. Aber die Arbeit lohnt sich. Der Feldsalat schmeckt mit seinem leicht nussigen Aroma nicht nur fantastisch, sondern bietet uns zudem die Möglichkeit, energiearm frisches grünes Blattgemüse im Winter regional zu produzieren. Wir wollen ihn nicht mehr missen, Sie bestimmt auch nicht, oder?
Ihr Lucas Miano
Im Käseschlaraffenland – Die Cheese
Eindrücke von der „Cheese“, der weltgrößten Käsemesse für Rohmilchkäse. Unsere Käserin Carmen Drechsel war für Bollheim und Slowfood Deutschland vor Ort.
Hin und wieder zurück
Gemüsegärtnerin und Marktverkäuferin Laura Schmees fährt zwei Mal die Woche mit auf den Markt nach Köln. Früh morgens vollgepackt hin und nachmittags erleichtert zurück.
Im Käseschlaraffenland – Die Cheese
Schon während meiner Ausbildung zur Käserin vor einigen Jahren hörte ich immer wieder von der „Cheese“. Ein kleiner verschlafener italienischer Ort namens Bra im Piemont mit 30.000 Einwohnern wird alle zwei Jahre zum weltgrößten Käseschlaraffenland.
Die größte Rohmilchkäse-Messe der Welt
Über 400 Käseproduzenten aus ganz Europa, verteilt im ganzen Ort, bieten ihre handwerklich hergestellten Käsevariationen an über 300.000 Besucher aus der ganzen Welt an. Affineure, Produzenten, Käsebuchautoren, die angesagtesten Käseinfluencer (ja die gibt es wirklich!) und Käseliebhaber strömen tagelang in die Stadt. Dementsprechend aus dem Häuschen war ich, als Anfang Mai die Anfrage von Slowfood Deutschland und der Hofgemeinschaft Heggelbach (einer befreundeten Käserei vom Bodensee) kam, daran teilzunehmen. Sofort war klar, wir sind dabei! In der Folge kästen wir einige bollheimer Käseklassiker als Rohmilchvariante. Ende September machte ich mich mit 100 Kg Käse im Gepäck auf den Weg nach Bra, 1,5 Stunden von Turin entfernt.
Vier Tage voll inspirierender Begegnungen
Es waren vier sensationelle Tage. Die Italiener liebten unseren Roten Bollheimer und den Bierkäse in der Rohmilchvariante, ganz zu schweigen von unserem alten Pikantus. Es waren Tage voller Austausch, neuen Kontakten, interessanten Gesprächen mit käsebegeisterten Menschen und natürlich habe ich eine ganze Menge Käse probiert. Es war mal wieder beeindruckend zu erleben, wie vielseitig und schön die handwerkliche Milchverarbeitung in Europa ist (etwas, das nicht verloren gehen darf!). Wie viele Menschen ihr Herzblut in ihre Arbeit stecken und vor allem: wie viele Personen zu schätzen wissen, gute und besondere Lebensmittel verkosten zu dürfen. Mir wurde mal wieder bewusst, wie schön mein Beruf ist.
Es war mir eine Ehre die deutsche Rohmilchkäseproduktion auf der „Cheese“ vertreten zu dürfen. Grazie mille per questa esperienza.
Carmen Drechsel
Hin und wieder zurück
Einblicke in einen Bollheimer Markttag
Haus Bollheim liegt genau 47km vom Neusser Platz an der Agneskirche in Köln entfernt. Diesen Weg nehmen der Bollheimer Gemüse-LKW und der Käsewagen, denn dort findet donnerstags der Ökomarkt statt. Doch beginnen wir von vorn. Es ist noch dunkel, wenn wir um 4.30h am Hof den LKW mit 15 Rollwagen frischer Marktware beladen. Danach wird an der Bäckerei noch das frische Brot eingeladen, dann kann es losgehen. Abfahrt ist um 5.00h, wenn im Stall das Licht angeht. Häufig grüßen wir noch die Stallkollegin oder den -kollegen, deren Schicht gerade beginnt.
Früh morgens geht es auf nach Köln
Unser Ziel in Köln erreichen wir um 6.00h nach etwa einer Stunde Fahrt. Erstaunlich, was alles in den folgenden zwei Stunden, bis um 8.00h die ersten Kunden eintreffen, passiert. Kartoffeln, Kohl und Co. wollen ausgeladen, ausgepackt und auf ansprechende Weise präsentiert werden. Bei der Fülle, die wir momentan an Gemüse aus eigenem Anbau anbieten können, müssen nicht selten noch zusätzliche Kistenstapel aufgebaut werden, damit alles seinen Platz findet.
Reges Treiben herrscht auch früh schon im Käsewagen. Joghurt, Quark sowie unsere diversen Käsespezialitäten werden ausgepackt, in der Theke ausgelegt oder in Schränken und Schubladen verstaut. Auch Brot und Eier müssen ihren Platz noch finden.
Viele unserer Stammkund*innen kommen früh – wahre Bollheim-Wiederholungstäter*innen, die unsere Produkte schätzen und mit Ihrem Einkauf unsere Arbeit aktiv seit Jahren, manchmal sogar seit Jahrzehnten, unterstützen. Die wollen wir natürlich nicht warten lassen!
Ein letzter kritischer Blick über die Auslage und man spürt die Mühe und Liebe der Kolleg*innen, die unseren Bollheimer Produkte ihren besonderen Charakter verleihen. Beim Feldsalat beispielsweise denken wir an Lucas, Ruth und Sandra, die in gesät, gepflanzt, gehegt und geerntet haben. Und auch an Mario, der ihn gewaschen und auf den Marktrolli gepackt hat. Diese Menschen machen bei unserem Angebot den Unterschied aus.
Am heutigen Donnerstag ist besonders viel los, da der folgende Freitag ein Feiertag ist. Das hohe Kundenaufkommen erschwert uns die Übersicht, wer als Nächste oder Nächster an der Reihe ist, doch glücklicherweise achten unsere Kund*innen meist aufeinander. Kiloweise verlassen Möhren, Zwiebeln und Co. die Theke, die Rollwagen leeren sich und zu späterer Marktstunde sind manche Produkte leider bereits ausverkauft.
Für uns allerdings ist das ein Segen, denn wenn möglichst wenig Ware wieder eingeräumt und eingeladen werden muss, dann fällt der ab 14.00h beginnende Abbau deutlich leichter und wir fahren mit einem guten, erfolgreichen Gefühl zurück zum Hof. Was morgens zwei Stunden brauchte, um ausgeladen und aufgebaut zu werden, ist in 30-40 Minuten wieder abgebaut und eingeladen. Zurück zum Hof fahren wir dieselben 47km, die wir morgens um 5h schon genommen haben.
Hin und wieder zurück!
Vielen Dank für Ihre Treue!
Laura Schmees
Frische Suppenhühner
Von Wut, Frauen und Gemüse
Ich stehe auf dem Gemüseacker. Es ist kurz vor sieben in der Früh und die aufgehende Sonne taucht alles in ein sanftes rötliches Licht. Es ist kühl. Der leichte Nebelschleier, welcher über dem Gemüsefeld wabert, verströmt eine gewisse Melancholie des fast vergangenen Sommers. Vielleicht riecht es sogar schon ein bisschen nach Herbst. Ich ernte Salat, der feucht und kühl vom Tau durch meine Hände in die Kisten wandert. Eigentlich eine friedliche Kulisse. Doch irgendwie ist da eine Wut in mir. Sie fühlt sich warm an, irgendwo in meinem Bauch. Sie drückt, wandert in den Hals, strampelt wie ein Baby im Bauch und gibt auf. Woher sie kommt, weiß ich nicht so richtig. Vielleicht ist es auch Hunger.
Vielleicht die Diskussion gestern auf dem Markt, warum unser Gemüse so teuer ist oder die ungläubigen Blicke, der meist älteren Männer, wenn wir drei Frauen den Marktanhänger an den LKW anhängen und hinters Steuer steigen.
Vielleicht das Telefonat mit meinem Bruder und seinen Sorgen, dass die Milchkuhhaltung meinem Vater und ihm, so wie es im Moment aussieht, keine richtige finanzielle Zukunft bieten kann. Wie wir auch hier abends am Tisch in der WG immer wieder diskutieren, was der ökologische Landbau und unser Beruf für eine Perspektive hat.
Mir fällt auf, dass sie Kraft hat diese Wut. Eine Art Energie, die nach außen drängt. Liegt Wut nicht meist ein Wunsch nach Veränderung inne? Etwas so nicht hinnehmen zu wollen, wie es ist? Ich schneide Salat. Kiste für Kiste. 60 Stück werden es heute wohl sein. Wieso stehe ich hier inmitten dieser Fülle und anderswo ist nichts da, Hunger ein Todesurteil? Die Vögel zwitschern.
Warum ist Wut so ein schambehaftetes Gefühl? Eins das wir verurteilen, wenn es nach draußen dringt. Geht nicht jeder Revolution, jeder großen Umwälzung, die Wut voraus? Mir kommen die Bauernaufstände in den Sinn, welche sich dieses Jahr zum 500. Mal jähren. In welchen die Bauern für die Aufhebung der Leibeigenschaft, die Minderung von Abgaben und politische Mitbestimmung kämpften. Auf ihr Leben am Existenzminimum aufmerksam machen wollten. Die damaligen Forderungen von 1525 sind eine der ersten schriftlichen Forderungen nach Menschen- und Freiheitsrechten in Europa. Wut also als Antrieb, als Energie aufzubegehren.
Mein Messer ist stumpf. Ich gehe zum Hänger und greife nach dem Schleifstein. Ist Wut nicht auch etwas, was sich durch die Linien meiner Vorfahrinnen zieht? In all ihren Facetten? Standen sie vielleicht auch so auf dem Feld wie ich jetzt, mit einer Wut im Bauch?
Ich habe den Gemüseacker aus freien Stücken gewählt. Die drei Linien Frauen vor mir, weil sie mussten. Die Urgroßmutter, weil ihr Mann im Krieg gefallen war, meine Oma, weil sie keine Ausbildung zur Apothekerin machen durfte, «Arbeit für dich haben wir daheim genug». Und meine Mutter, weil es keinen Sohn gab, der den Hof hätte übernehmen können. Als Anerkennung für den besten Abschluss an der landwirtschaftlichen Meisterschule bekam sie ein Kochbuch überreicht – ich muss fast müde in mich hineinschmunzeln. Welch ein gutes Sinnbild für so vieles…
Die Wut der vielen Frauen vor mir, nicht über ihren eigenen Lebensweg entscheiden zu können, nicht über den eigenen Körper…ob ein Kind darin wächst oder nicht, in so vieler Hinsicht abhängig zu sein. Ihre Wut hat meine Lebensrealität deutlich verändert. Ist Wut nicht eine unbändige Kraft?
Manchmal stelle ich mir vor, wie es wäre, wenn alle Frauen auf Bollheim plötzlich ihre Arbeit niederlegen würden. Ich schaue mich um. Neben mir in der Petersilie sitzen heute nur Frauen, Frauen, die sich alle aus sich heraus für die Landwirtschaft, den Beruf an Pflanze und Erde, mit den Händen und im Angesicht des Wetters entschieden haben. Junge kluge starke Frauen. Etwas in mir wird sanft, der Knoten löst sich ein wenig.
Als ich mit dem Traktor und vollbeladenen Hänger mit Gärtnerinnen und Gemüse die Hofeinfahrt ein biege, erwische ich mich wie mich ein Gefühl durchströmt…Ist es ein Anflug von Stolz? Ich winke den Hofkindergartenkindern zu und bin froh, dass sie anders als in den meisten Bauernhof-Bilderbüchern, das Bild von einer Frau auf einem Traktor Tag für Tag als Realität erleben.
Hier auf dem Gemüseacker mit dem Wind in den Haaren, von Erde und Schweiß bedeckt fühle ich mich stark. Ich ziehe mit den anderen die 200 Meter langen Kulturschutznetze über den frisch gepflanzten Endiviensalat. Sieben Frauen in einer Reihe. Wie Fischerinnen ziehen wir das Netz übers Feld. Dieses Bild berührt mich. Ich fühle mich stark, stark und auch müde, manchmal auch verletzlich, doch selten verloren in dieser Reihe zwischen euch. Stark durch meine Wut und Sanftmut, die sich mit der, der Frauen vor mir und um mich und nach mir verbindet.
von Anne-Rahel Bonn
Ausflug auf den Gemüseacker
Wie ein August-Tag auf dem Bollheimer Gemüsefeld aussieht, erzählen uns Numa und Friederike.





















